Übers Leben schreiben

Hier erfährst du über die Faszination des autobiografischen Schreibens, über Möglichkeiten und Chancen, aber auch über den Umgang mit Herausforderungen.

Geschrieben von

Astis

Datum

13. Dezember 2024

Foto: Paul Micheler

Geschichte in Geschichten verweben

Gestern abend saß ich mit einer lieben Freundin bei einem Glas Muskateller in der vorweihnachtlichen Lobby im „Weitzer“. Wir mögen beide das Flair dieses alten, renommierten Grazer Hotels, treffen uns dort ab und zu zum Quatschen – Irgendwann an diesem Abend stolperten wir in unsere Geschichte.

In die Geschichte unserer Freundschaft, als wir uns völlig aus den Augen verloren hatten.

In die Geschichten unserer Mütter und Väter, in die unserer Großeltern.

Wir sind alle Geschichtenerzähler*innen

Meine Freundin und ich wissen viel voneinander, kennen Geheimnisse, Intimitäten und Peinlichkeiten der anderen. Wir wissen, wie wir uns zum Lachen bringen und halten uns manchmal nicht aus. An diesem Abend allerdings sinnierten wir darüber, was bleibt, wenn wir nicht mehr sind, welche Geschichten wir unserern Kindern oder der Welt erzählen wollten. Was möchten wir lieber verschweigen und mit ins Grab nehmen? Was hat uns zu der gemacht, die wir heute sind?

Plötzlich beginnt meine Freundin zu erzählen… Wie das war, als sie damals – nach dem Tod ihres Vaters – alte Briefe in seinem Haus gefunden hatte und sie beim Lesen auf Geheimnisse gestoßen ist. Und sie erzählt von dem Schmerzhaften, das sie am Sterbebett ihrer Mutter erfahren hatte.

Wie gelingt es uns, mit intimen und persönlichen Fakten umgehen? Das ist eine der Herausforderungen, die das autobiografische Schreiben mit sich bringt.

Wenn wir nun ein Buch über unser Leben schreiben wollen – wie gehen wir mit solchen Wahrheiten, mit den Geschichten über uns und andere Menschen in unseren Leben um? Ist es, darüber zu schreiben, ein zur Schau- oder Bloßstellen? Was ist aus Respekt vor anderen zu verschweigen, umzuschreiben oder was möchte man gerade erst recht öffentlich machen? Was davon ist eine Notwendigkeit, weil es zu mir, zu meinem Leben und meiner Geschichte gehört? Und in welcher Verantwortung wem gegenüber stehe ich, wenn ich diese Dinge aufschreibe?

Angeregt diskutierten wir an diesem Abend darüber.


Wenn wir über unser Leben für die Öffentlichkeit schreiben, ist es unumgänglich, einen Umgang mit diesen Fragen zu finden. Sonst bleiben sie ein Hindernis, das uns den Stift aus der Hand legen lässt. Wenn es gilingt, deine Geschichte aufzuschreiben, so ist das ein Geschenk – wunderschön und bereichernd. Erzähle, wie du die oder der geworden bist, der du heute bist. Was hat dich über die Jahre verletzt, begeistert, betroffen gemacht.

Über Erlebtes zu schreiben, ist so heilsam:

  • Schreibe, um zu erfahren, wer du bist.

  • Schreib, um zu verarbeiten.

  • Schreib, um dich besser kennenzulernen.

Nicht das Alltägliche interessiert, sondern was uns zu dem gemacht hat, der wir sind.

Exklusivität von Schreibgruppen

Für mich sind Schreibgruppen ein wunderbarer Weg, erst einmal ohne viele Fragen im Kopf zu schreiben zu beginnen. Hier erhältst du eine besonderer Möglichkeit, dich gemeinsam mit anderen auf den Weg zur eigenen Geschichte zu machen. Denn in einer kleinen Gruppe kann Intimität gewahrt werden, kann im vertraulichen Rahmen erzählt, formuliert und ausprobiert werden.

So findest du einen Anfang und mit der Zeit einen eigenen Weg.

Wohl gibt es ein sehr großes Angebot an Schreibratgebern, die dir Anregungen geben und Übungen vorschlagen, (über) deine Geschichte zu schreiben. Das ist bestimmt auch eine gute Möglichkeit, Texte über das eigene Leben zu verfassen. Doch was du dabei vermissen wirst, ist der Austausch und das Teilhaben-Lassen mit anderen Menschen. Aber nicht nur das…

Für mich hat die Arbeit in einer Schreibgruppe etwas Magisches, Zauberhaftes –

Der Versuch einer Erklärung

Schreiben hat viele Dimensionen – es dient dem Denken, dem Reflektierten, dem Ausdruck und vielem mehr. Sigmund Freud postulierte seinerzeit die heilende Wirkung bei der Aufarbeitung biografischer Ereignisse den Dreischritt „Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“.

Dabei ist ein geschützter Rahmen ein wichtiger Baustein, um einen guten Anfang zu finden. Gerade wenn es darum geht, persönliche, schmerzhafte oder intime Dinge deines Lebens aufzuschreiben, braucht es Sicherheit. Eine Sicherheit von Raum und Zeit genauso so wie eine Sicherheit im Umgang miteinander. Es braucht diese Sicherheit, damit du dich öffnen kannst. Es braucht die Sicherheit, gut begleitet zu werden, wenn tieferliegende Themen auftauchen. Als Gruppenleiterin sorge ich dafür, dass dieser Rahmen gegeben ist.

Für den Aufbau einer autobiografischen Schreibgruppe wähle ich verschiedene Übungen und Anregungen und plane sehr individuell. Dabei setze ich viel Kreatives ein – zum Ankommen und Kennenlernen genauso wie als Impuls für Schreibübungen. Immer etwas anderes. Alle möglichen Arten von Zugängen sollen geöffnet werden. Eigenens Gestalten, Gerüche, Worte, Bilder, Musik. Je nachdem – das Ziel ist, dir Zugang zu eigenen Erinnerungen möglichst zu öffnen.  Unbewusstes oder längst vergessene Erinnerungen, das, was drängend oben auf liegt, genauso wie das, was gerade jetzt geschrieben werden will, soll Raum bekommen und zu Papier geracht werden.

Schreiben, nachdenken, innehalten, weiterschreiben – gemeinsam geht es leichter. In kurzen oder ausgedehnteren Schreibzeiten fließt die Tinte. Und vor allem mit der Hand zu schreiben ist nicht nur wunderschön, es regt auch die Verbindung von Denken und Ausdruck an.

Und wenn dann die ersten Texte gelesen werden, die eigene Stimme das bisher Ungesagte zum Klingen bringt, sich  Emotionen verstärken, wenn Rückmeldungen, Feedback, Mitschwingen und drüber Reden eine Resonanz auf die eigene Geschichte erzeugen, dann birgt das die große Chance des „Durcharbeitens„.

In der Schreibgruppe begegnest du Gleichgesinnten. Gemeinsam reichern sich die Assoziationen und Gedanken an, du lernst einen Umgang mit deiner inneren kritischen Stimme, erhältst viele Anregungen, um auch daheim weiterzuschreiben.

Kleine Geschichten fügen sich wie bei einem Puzzle zu einem größeren Bild zusammen.

Du gewinnst neue Perspektiven auf Vergangenes, kannst es vielleicht neu, mit anderen Augen sehen oder kannst dich überhaupt erst seit Ewigkeiten wieder an etwas erinnern. Kleine Details gewinnen durch das Aufschreiben, durch die Einbettung in Kontext und Zeitgeschichte an Bedeutung.

Details, Erlebnisse, Erinnerungen, Emotionen werden zum Fleisch deiner Geschichte.


Erinnerungen…

Wie das damals war…

  • Das Schokoeis, das sie in England am Strand von ihren ersten hart verdienten Pence gekauft hatte an diesem stürmischen und kalten Tag, aber es war so wunderschön, das wilde Meer mit dem kalten Eis an den Lippen zu beobachten.
  • Dort saß er an der Theke der Hamburger Kneipe im roten Stickpullover, den ihm seine Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte. Allein saß er dort und beim zweiten Klaren nahm er all seinen Mut zusammen und sprach sie an.
  • Sie erinnert sich an den Moment des Unfalls – als nachher nichts mehr so, wie es vorher war. Ihr kleiner Bruder lag tot auf dem Asphalt.
  • Der Anblick des Sohnes, als sie in sein Zimmer trat und …

Berührende, feinsinnige, lustige, überraschende Momente, die in den Texten von TeilnehmerInnen in meinen Schreibgruppen Platz gefunden haben. Kleine Details aus den Geschichten, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung sind. Oft war es das erste Mal, dass hier ein Weg gefunden worden ist, etwas zu benennen, was so lange mit sich herumgetragen worden ist. Diese 1000 Geschenke an sich selbst und die Welt sind das, was autobiografisches Schreiben so wunderbar sein lässt. Das macht mich einfach glücklich.

Schreiben bietet unendliche Möglicheiten, mit deiner Geschichte in Kontakt zu kommen. Schreib sie auf! Am leichtesten beginnst du gemeinsam mit anderen.

Melde ich gern zu einer meiner nächsten Autobiografischen Schreibgruppen an.

Gern erstelle ich ein individuelles Angebot für dich oder eine Gruppe.