OULIPO – wofür Beschränkung?

1.12.2026

Geschrieben von

Astis

Datum

10. Jänner 2023

Foto: Unsplash

OULIPO

In diesem Artikel erfährst du über die Herkunft und Geschichte von OULIPO, aber auch, wie Beschränkungen ganz Neues entstehen lassen können…

OuLiPo wurde in den 1960er-Jahren in Frankreich von einer mathematik-, literatur-, schach- und schreibbegeisterten  Gruppe gegründet und steht für die Abkürzung von Ouvroir de Littérature Potentielle (dt.: Werkstatt für potentielle/mögliche Literatur). Raymond Queneau oder Georges Perec verabredeten „contraintes“ (also Formzwänge oder Beschränkungen), nach denen nun Texte und literarische Werke geschrieben wurden. Die Gruppe Oulipo besteht bis heute und ihre Mitglieder kommen einmal im Monat an einem Donnerstag in der französischen Nationalbibliothek in Paris zusammen. Bereits verstorbene Mitglieder gelten dabei als nur „momentan abwesend“.

„Die contrainte (auf deutsch: Beschränkung) sei die Gegenspielerin zur Auffassung, dass Literatur eine geniale Schöpfung oder das Produkt geheimnisvoller Inspiration sei.“ (zitiert nach M. Bénabou, geb. 1939, Vertreter von OuLiPo).

Die Oulipoten arbeiten mit oder nach vereinbarten contraintes

Sie schreiben Texte, in denen z.B. nur der Vokal E oder auf jeden Fall nicht der Vokal E vorkommt. Oder es dürfen nur einsilbige Wörter verwendet werden, oder keine Verben oder alle Wörter müssen mit dem selben oder den selben 3 Buchstaben beginnen. Oder die Wörter müssen vorwärts und rückwärts lesbar sein. Schier unbegrenzte Möglichkeiten ergeben sich dadurch.

Es gibt viel zu schreiben und zu erzählen über die Schreibwelt eines Oulipoten – Georges Perecs: Perec liebte es, für seine schriftstellerische Arbeit Rätsel, Puzzles, Schachzüge oder mathematische Muster einzusetzen. In seinem Buch „Das Leben – Gebrauchsanweisung“ beispielsweise klappte er die Fassasde eines Hauses auf und teilte jedes Stockwerk in 10 Felder. Mit diesem Buch schuf ein Meisterwerk an Rätsel, Puzzle und Figurenspiel. Hier erhältst du einen tieferen Einblick in den faszinierenden Aufbau dieses Buches.

Mit Beschränkungen/contraintes zu schreiben setzt nun einerseits eine starke kreative Energie frei. Gleichzeitig zwingt sie, „out of the box“, also neu zu denken, neue Wörter zu er-finden, Satz- oder Grammatikstrukturen zu umgehen, sich „gegen den Strom, gegen die Norm“ zu bewegen oder eigene Regeln aufzustellen und sich damit selbst herauszufordern.

Mit solcherart Beschränkungen, Regeln, Formzwängen zu schreiben ist fordernd, lustvoll, amüsant, ungewöhnlich, spannend, ergebnisoffen.

Dieses Schreiben bricht mit Gewohntem, es steht im Gegensatz zum Herkömmlichen, gerade weil es neue Regeln aufstellt. Diese Freiheit, dieser Bruch mit den Normen lässt besonders kreative Texte entstehen. Das Spiel mit neuen Regeln oder den Einschränkungen steht dabei im Vordergrund. Es steht im Gegensatz zu der Art des freien Schreibens, in dem spontane Assoziationen oder auftauchende Gefühle den Impuls für den Text liefern und Motor des Scrheibens sind. Doch gerade, wenn ich mich in einem Labyrinth wiederfinde, muss ich neue und andere Fähigkeiten entwickeln, um mit der Situation umzugehen und um einen guten Weg zu finden.

Beschränkung – dieses Wort wurde in den letzten drei Jahren zur Genüge strapaziert. Wer denkt dabei nicht an Kontaktbeschränkungen oder Maskenpflicht, Besuchsverbote oder Beschränkungen beim Ein- und Ausreisen?

Aber auch an knapper werdende Energieressourcen, an Beschränkungen beim heiß Duschen, Heizen oder Stromverbrauch? Daran, weniger oder kein Fleisch zu essen, an Dinner-Cancelling oder es einmal mit dem Dry January zu versuchen?

Eines haben alle diese Einschränkungen gemeinsam: sie nehmen oder wir lassen freiwillig etwas weg. Sie zwingen uns, unser Verhalten zu verändern. Sie sind einerseits schmerzlich, machen uns aber gleichzeitig erfinderisch und lassen uns nach etwas Neuem suchen.

So gesehen auch beim Schreiben.

So gesehen in der Welt von OuLiPo.

So gesehen geht es ganz leicht.

Oder auch nicht – macht aber Spaß.

Doch was hat es nun mit dem Wert von Beschränkungen auf sich?

Ist unser Leben, unser Handeln und auch unser Schreiben nicht voll von Zwängen, Regeln, Normen? Warum braucht es zusätzliche contraintes/Formzwänge?

Ich denke, dass gerade hier eine Chance liegt. Erst durch das bewusste/(freiwillig) auferlegte Anders tun, Anders sein, wird die Qualität des Bestehenden intensiver wahrnehmbar. Wir zwingen uns, anders zu denken, aber wir lernen auch Bestehendes mehr zu schätzen, zum Beispiel:

  • Durch die Kontaktbeschränkung während der Coronapandemie wurde uns der Wert unseres sozialen Miteinanders erst richtig bewusst.
  • Durch den Zwang des Maskentrages der Wert des freien Atmens, des Erkennen des gesamten Gesichts, des Lächelns.
  • Durch das Weglassen des Vokals E beim Schreiben merke ich erst, wie wichtig das E doch in meinem Schreiberleben ist.

Diesen Formzwang kann man natürlich auch in andere Lebensbereiche übertragen. Spielerisch. Ein Gedankenexperiment: Wie wäre es damit, nur mehr schwarz zu tragen oder sich immer auch mit etwas in Rot zu kleiden? Nie mehr ohne Hut außer Haus zu gehen? Jeden Tag morgens eine Runde joggen zu gehen?

Es hätte eine Auseinandersetzung mit alten Gewohnheiten zur Folge. Warum schwarz? Wie fühle ich mit einem roten Kleid? Joggen würde meine Bewegungsungewohntheit ändern… Gewiss und unbestritten: Zwänge haben immer einen Beigeschmack.

Die Welt der Beschränkung eröffnet neue Möglichkeiten. Vielleicht lässt sie einen etwas leichter oder etwas auch leichter nicht tun. Probier es einfach aus. Oder sei bei einer meiner Workshops dabei – dort findet immer ein Ausprobieren statt!

Und PS: eines ist ganz wichtig: die Ausnahme von der Regel, die Abweichung, der Zufall – das „Clinamen„.

Wie schrieb Paul Klee? „Le génie, c’est l’erreur dans le système“. („Das Geniale daran ist der Fehler im System“)